Ernst Heller - Pfarrer für Circus, Markthändler und Schausteller
Pfarre Ernst Heller

Pfarrer für Circus, Markthändler und Schausteller

 

Philipp Neri-Stiftung

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Film Besuch beim
Zirkus-Pfarrer Heller

Film 10 Jahre Circus-Pfarrer Ernst Heller

Samstag, 23. Oktober 2010

Benefizgala: Vorhang fällt für Pfarrer Heller

Pfarrer Ernst Heller verabschiedet sich von seiner Zirkusnacht. Nun will er nach Rust - und später sogar nach Brasilien.

Die alljährliche Benefizgala Pfarrer Heller’s Circus Night hat gestern 800 Besucher auf die Allmend gelockt. Die Gala, die Spenden für die Philipp-Neri-Stiftung sammelt, wird es künftig nicht mehr geben. Pfarrer Heller steht Red und Antwort.

Herr Heller, die Pfarrer Heller’s Circus Night gibt es dieses Jahr zum letzten Mal. Warum?

Ernst Heller: Ich höre jetzt auf, weil es zwölf Jahre lang sehr gut gelaufen ist. Jetzt muss man neue Segmente einbauen. Ich bin auch im Europapark als Pfarrer tätig und will am 17. Juni 2011 eine Pfarrer Heller’s Europapark-Night durchführen. Auch Marie-Thérèse Porchet wird dabei sein.

Der Travestie-Künstler? Haben Sie als Katholik da keine Berührungsängste?

Heller: Nein. Das ist ein ganz wertvoller Mensch – ein hochsensibler Künstler. Ich habe Hochachtung vor ihm. Er verwandelt sich zwar in eine Frau, aber das ist ja nur seine Künstlerfassade.

Sie gehen bald in den Ruhestand. Was haben Sie danach für Pläne?

Heller: Das ist erst 2012, wenn ich 65 Jahre alt werde. Für einen Pfarrer gibts eigentlich keine definitive Pensionierung. Man hängt ja das Kürzel I. R. dem Nachnamen an – bei mir heisst das halt nicht «im Ruhestand» sondern «in Rufweite». (lacht) Ich will meine Tätigkeit als Zirkusseelsorger ein Stück weit reduzieren und jetzt im Alter noch lernen, Nein zu sagen, damit ich in der Zukunft auch noch die Kraft habe, meine Projekte anzugehen. Meine Nichte hat in Brasilien ein Haus für obdachlose Frauen gegründet. Dort will ich helfen.

Steht Ihr Nachfolger als Zirkuspfarrer schon fest?

Heller: Ich halte noch Ausschau. Das Problem ist, dass die Schweizer Bischofskonferenz kein Geld hat. Ich werde durch die Philipp-Neri-Stiftung und durch einen Mäzen entlöhnt. Mein Nachfolger soll nicht dem Geld nachspringen müssen. Ich finde, wenn der Gefängnisseelsorger von der Kirche finanziert werden kann, dann muss das auch beim Zirkusseelsorger gehen.

Brauchen Artisten denn eine andere Art von Seelsorge als Normalbürger?

Heller: Sie sind einfach beruflich anders. Sie haben nur während der Saison einen Lohn, und die Zwischensaison ist lang. Ich gehe mit ihnen grundlegende Lebensexistenzfragen an und schaue auch, wo man sie später im Zirkus einsetzen kann, wenn sie nicht mehr Kunststücke auf dem Trapez vollbringen können. Viele Artistenkinder sind im Internat. Die «Krötchen» wollen sich aber nicht domestizieren lassen. Ein Internat ist eine grosse Umstellung. Da kann es auch Probleme geben, bei denen ich versuche, zu helfen.

Dann sind Sie also eine Art Sozialarbeiter für den Zirkus?

Heller: Es ist von allem etwas. Ich reise oft mit dem Zirkus mit. Den Zirkus Nock habe ich letzten Sommer im Camp in St. Moriz besucht und im Wohnwagen mit auf dem Platz gewohnt – direkt am See von St. Moriz. In Monte Carlo findet im Januar das internationale Zirkus-Festival statt, wo auch ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert wird. Da durfte ich auch schon mit meiner Klarinette «Frieda» vor der Fürstenfamilie und 6000 Gottesdienstbesuchern auftreten. Aber ich nehme auch meine ganz normalen Pflichten wahr: Ich feiere Gottesdienste und vermähle Paare. Ich habe zum Beispiel die Knie-Zwillinge getauft, und gerade diesen Monat erst war ich an der Beerdigung von Franz Mack, dem Gründer des Europaparks.

Sie nennen Ihre Klarinette «Frieda»?

Heller: Ja, die habe ich getauft, als ich 1980 in Horw Vikar geworden bin. Ich sagte: «Ich bin nicht alleine gekommen – ich habe meine Frieda mit dabei.» Ich hatte die Klarinette unter dem Mantel verborgen, und die Leute haben alle gestaunt: ein Vikar, der sich traut, zu seiner Freundin zu stehen. Einige waren wohl erleichtert, als ich die Klarinette hervorgeholt habe. (lacht)

Stimmt es, dass Sie der erste Zirkusseelsorger der Schweiz sind?

Heller: Ja. Vorher war ein Pfarrer aus Deutschland für die Schweizer Artisten zuständig. Ich habe ihm schon als junger Vikar in den Achtzigerjahren assistiert. So bin ich da hineingerutscht. Die Schweiz hat ihren eigenen Zirkusseelsorger gebraucht. Hier gibt es 20 Zirkusfamilien, 2500 Schausteller und 3000 Markthändler. Die können nicht jeden Sonntag in die Kirche, wenn sie ihre Stände oder Zelte auf- und abbauen müssen. Man darf sie nicht vernachlässigen. Wenn wir als Kirche so sind, dann werden wir zu «Seelsargern». Ich bin lieber ein guter Seelsorger als ein Seelsarger.

Interview Aleksandra Mladenovic

Neue Luzerner Zeitung, 23.10.2010

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