
Pfarrer für Circus, Markthändler und Schausteller
Wozu eigentlich braucht es einen Circus-, Markthändler- und Schaustellerpfarrer? Das wird Ernst Heller oft gefragt. Antworten auf diese Frage findet er tagtäglich auf den Plätzen. Schon rasch nach Arbeitsbeginn in seinem neuen Amt merkte der Krienser: Diese Arbeit ist ungemein spannend und herausfordernd. Er umfasst die ganze mobile Gemeinde: das Reisegewerbe, Künstler der Eisrevuen, Schausteller und Circus-Artisten.
Dieser kirchliche Arbeitsbereich ist in den letzten Jahren nur gewachsen. Ein Hauptgrund: Die Circus- und Schaustellerwelt wird durch stete Zuwanderung immer multinationaler – und multireligiöser. Das fahrende Volk ist zudem auf eine seltsam intensive Art religiös. Aufgrund negativer Erlebnisse ist ihr Verhältnis zur Institution Kirche zwar eher distanziert, ihr Glaubensleben jedoch ist unerwartet tief. Vielleicht, weil man um die Gefährlichkeit der Arbeit weiss und eine eher existentialistische Lebenssicht pflegt ...
Ob polnische Zeltarbeiter oder französische Trapezkünstler – viele suchen das Gespräch mit dem Circus-Pfarrer, um über Fragen des Lebens zu reden. Artisten scheinen nicht nur die Balance, sondern auch den Glauben als Netz für waghalsige Nummern zu brauchen. In dieser Szene werden eigene Glaubens-Rituale gepflegt. Oftmals laden ihn die Artisten in ihren Wohnwagen ein und zeigen ihm Kettchen und Amulette, ihre Glücksbringer. Toleranz und Sachverstand ist bei der Arbeit gefragt, wenn er nicht nur Christen, sondern auch Muslime, Buddhisten und Hindus besucht.
Die Circus-, Markthändler und Schaustellerseelsorge gilt als „Randseelsorge“, ein für Priester faszinierendes, jedoch schwieriges Arbeitsgebiet, da es viel Sensibilität und Einfühlungsvermögen für die Branche benötigt. Lange Zeit wurde die „fahrende Gemeinde“ seitens der Kirche vernachlässigt. Mehr denn je ist Ernst Heller überzeugt: Es braucht Ansprechpartner, die Werte, Mentalität und Alltagssorgen der zutiefst von ihrer fahrenden Lebensweise geprägten Menschen verstehen. Denn: Vom „Zirkus“ hinter dem Zirkus sehen die Besucher meistens nichts. Vieles ist nur vordergründig romantisch. Fernab der Spotlights geht es um Konkurrenzdruck und Neid. Um Einsamkeit, Beziehungsprobleme und um Unfälle, die eine verheissungsvolle Karriere beenden können. Aus vielen Gesprächen in Requisitenräumen weiss Ernst Heller, dass es Tage gibt, an denen sich das Zelt nicht füllt.
Er begleitet Artisten in ihren Krisen, bei denen im Trott zwischen Zeltaufbau und Abschminken die Faszination Circus gelitten hat. Ein andermal muss er einen alten Artisten trösten, der depressiv geworden ist, weil er merkt, dass er die Bühne verlassen muss. Das Bedürfnis nach Gespräch, Trost und Zuversicht ist immer da.
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